Ich habe lange gar nicht gemerkt, wie oft ich mich entschuldigt habe. Es war keine bewusste Geste, sondern eher ein Reflex, der irgendwie immer schon da war. Ich entschuldigte mich für Zeit, die ich für mich gebraucht habe. Für Bedürfnisse, die in dem Moment offenbar nicht passten. Für meine Meinung, wenn sie nicht der Mehrheit entsprach. Und sogar dafür, dass ich manchmal zu laut gelacht habe, als wäre Freude etwas, das man dosieren müsste, um niemanden zu stören.
Wenn ich heute zurückschaue, ist es fast traurig, wie selbstverständlich das war. Ich habe mich für so viele Dinge entschuldigt, die im Grunde überhaupt keine Entschuldigung gebraucht hätten. Es war eher so, als würde ich mein Dasein leise abfedern, damit es ja nicht zu sichtbar wird. Damit ich niemandem zur Last falle. Damit ich auf jeden Fall keinen Anstoß erwecke.
Aus psychologischer Sicht ist dieses ständige Sich-Entschuldigen keine Höflichkeit, sondern ein Schutzmuster. Wenn du als Kind gelernt hast, dass es ruhiger bleibt, wenn du dich klein machst, dass Anpassung Anerkennung bringt, dass Bedürfnisse manchmal als anstrengend empfunden wurden, dann lernst du irgendwann, dich vorab zu entschuldigen, bevor überhaupt jemand etwas sagen könnte. Das ist keine Schwäche. Das ist ein gelerntes Muster, das einmal sinnvoll war, weil es dich davor geschützt hat, abgelehnt oder zurückgewiesen zu werden. Nur funktioniert es eben nicht mehr, sobald du erwachsen bist. Stattdessen verkleinert es dich auf eine Art, die mit der Zeit richtig wehtut, gerade weil sie so leise passiert.
Bei mir gab es irgendwann diesen einen Moment, an dem ich es zum ersten Mal richtig gespürt habe. Ich hatte etwas getan, das ich wirklich liebe. Etwas, bei dem ich für einen kurzen Augenblick ganz bei mir war. Und dann wurde ich irritiert angeschaut. Nicht böse, nicht laut, einfach nur ein bisschen verwundert. Und bevor ich überhaupt nachdenken konnte, hörte ich mich selbst sagen, dass es mir leid täte. Hinterher saß ich da und war richtig wütend auf mich selbst. Nicht auf die andere Person. Auf mich. Weil ich das Gefühl hatte, ich hätte mich gerade selbst belogen. Ich hatte mich für etwas entschuldigt, das ich liebe. Ich hatte mich für meine eigene Lebendigkeit entschuldigt, nur weil es jemandem fremd vorkam.
Das war der Moment, an dem etwas in mir gekippt ist. Nicht laut, schon gar nicht dramatisch. Eher so, dass ich verstanden habe, dass dieses ständige Sich-Entschuldigen nicht freundlich war, sondern ein leises Verraten meiner selbst.
Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Vielleicht ist es bei dir genau dieses kleine „Tschuldigung”, wenn du jemandem auf dem Bürgersteig entgegenkommst, obwohl er dir ja auch entgegenkommt. Vielleicht ist es das „Sorry, kurze Frage”, obwohl deine Frage berechtigt ist. Vielleicht ist es das „Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber…”, bevor du etwas sagst, was nicht im Geringsten komisch ist. Solche Sätze fallen oft so beiläufig, dass sie kaum auffallen. Aber wenn du sie einmal beginnst zu zählen, wirst du erschrecken, wie oft du das tust.
Und wenn ich heute ehrlich bin, war das Aufhören gar nicht so groß und kompliziert, wie ich dachte. Ich habe nicht alles auf einmal verändert, sondern bei zwei Dingen angefangen. Ich habe mich nicht mehr für meine Meinung entschuldigt. Und nicht mehr für mein Lachen. Am Anfang habe ich tatsächlich ein bisschen leiser gelacht, was rückblickend fast lustig ist, weil ich gemerkt habe, dass das ja im Grunde dasselbe Muster war, nur in einer abgeschwächten Form. Aber selbst damit habe ich nach kurzer Zeit wieder aufgehört. Weil ich gemerkt habe, dass nichts passiert. Dass niemand mich abgelehnt hat. Dass es für mich einfach schöner ist, ganz ich selbst zu sein, auch wenn es manchmal lauter, fester oder klarer ist, als andere es vielleicht gewohnt waren.
Ehrlich gesagt kann ich gut verstehen, warum dieser Schritt sich am Anfang so groß anfühlt. Wenn du jahrelang gelernt hast, dass du sicherer bist, wenn du dich klein machst, dann fühlt sich Sichtbarkeit erst einmal nicht nach Freiheit an, sondern nach Risiko. Es ist völlig normal, dass dein Inneres erst einmal abwartet, ob das wirklich gut geht. Und genau deshalb braucht es auch keine große Umstellung, sondern eher viele kleine Erfahrungen, in denen du merkst, dass du nicht zurückgewiesen wirst, nur weil du gerade du selbst warst.
Vielleicht ist genau das der Weg, den du ausprobieren kannst. Nicht in einem großen Schritt, sondern in ein paar leisen Versuchen, mit verschiedenen Menschen, in verschiedenen Situationen. Mal eine Meinung, die du sonst geschluckt hättest. Mal ein Lachen, das du sonst gedämpft hättest. Mal ein „Nein”, das du sonst noch in eine Erklärung verpackt hättest. Und vielleicht gibt es ja sogar jemanden, dem du so sehr vertraust, dass du hinterher einmal nachfragen kannst, ob das für ihn wirklich merkwürdig war. Sehr oft wirst du merken, dass die andere Person das gar nicht so erlebt hat, wie du es innerlich befürchtet hast.
Vielleicht beginnt genau dort etwas, das du lange vermisst hast, ohne genau zu wissen, was es war.