Es gibt diesen einen Moment, der bei vielen Frauen sehr ähnlich aussieht, auch wenn das Leben drumherum ganz unterschiedlich ist. Meistens passiert er abends, wenn es endlich ruhig wird und du kurz aufhörst, für irgendjemanden oder irgendetwas verfügbar zu sein, und dann sitzt du da und spürst diese seltsame, schwere Leere, die sich kaum in Worte fassen lässt. Nicht weil gerade etwas Schlimmes passiert ist. Sondern einfach so. Einfach weil du so lange so viel getragen hast, dass dein Körper in dem Moment, in dem er endlich könnte, gar nicht mehr weiß, wie Entspannung eigentlich geht.
Und weil du am nächsten Morgen wieder aufstehst, wieder funktionierst, wieder alles irgendwie hinbekommst, sieht das niemand. Nicht dein Umfeld, nicht deine Familie und oft nicht einmal du selbst.
Das Tückische daran ist, dass sich diese Art von Erschöpfung so lange hinter Kompetenz versteckt, dass du sie irgendwann selbst nicht mehr erkennst. Nach außen wirkt alles stabil, organisiert, souverän. Vielleicht bekommst du sogar Komplimente dafür, wie du das alles schaffst, wie verlässlich du bist, wie man sich auf dich verlassen kann. Und gleichzeitig weißt du innerlich, wie viel dich das kostet. Oder du weißt es nicht mal mehr genau, weil du so lange im Funktionsmodus gelebt hast, dass du kaum noch den Unterschied spürst zwischen „ich bin okay” und „ich halte gerade auf Reserve durch”.
Und ehrlich gesagt kann ich gut verstehen, warum so viele Frauen genau in diesem Modus landen. Funktionieren fühlt sich sicherer an als fühlen. Es bringt Anerkennung, es verhindert Konflikte, es macht das Leben drumherum leichter, zumindest für alle anderen. Und irgendwann bist du so geübt darin, dass du gar nicht mehr richtig weißt, wer du eigentlich bist, wenn du das gerade nicht tust.
Viele Frauen, die genau das kennen, zweifeln lange daran, ob ihre Erschöpfung überhaupt berechtigt ist. Sie vergleichen sich mit Menschen, denen es objektiv schlechter geht, erinnern sich daran, dass sie ein gutes Leben haben, dass sie eigentlich keinen Grund zur Klage haben, als wäre Erschöpfung etwas, das man erst verdienen müsste, bevor man sie sich erlauben darf zu fühlen. Aber Erschöpfung entsteht nicht durch ein einzelnes, großes Ereignis. Sie entsteht durch das Dauerhafte. Durch das ständige Mitdenken, Vorausplanen, Auffangen, Erledigen, Tag für Tag, ohne wirkliche Pause, ohne dass jemand fragt, wie es dir eigentlich geht. Nicht wie es läuft. Wie es dir wirklich geht.
Und dein Körper registriert das alles, auch wenn dein Kopf längst aufgehört hat, es bewusst wahrzunehmen. Daueranspannung hinterlässt Spuren, die sich oft nicht dramatisch anfühlen, aber trotzdem da sind. Eine Gereiztheit, die auftaucht, obwohl objektiv gerade gar nichts passiert. Eine Erschöpfung, die sich nach dem Schlafen nicht wirklich bessert. Das Gefühl, Ruhe nicht genießen zu können, obwohl du dich so lange danach gesehnt hast. Und irgendwann dieses diffuse Nicht-mehr-wissen, was du eigentlich selbst brauchst, weil du so lange damit beschäftigt warst, was alle anderen brauchen. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist ein Körper, der seit langer Zeit zu viel trägt und der das irgendwann auf seine eigene Weise kommuniziert.
Und genau deshalb ist der erste Schritt oft nicht der, irgendetwas zu verändern oder endlich „etwas für dich zu tun”. Der erste Schritt ist meistens viel leiser: ehrlich wahrzunehmen, wie es dir wirklich geht. Nicht um dich zu beklagen. Nicht um schwach zu sein. Sondern weil du dir selbst nicht wirklich näherkommen kannst, solange du noch so tust, als wäre alles okay.
Genau über diese leisen, oft übersehenen Themen wird es hier auf Shero gehen. Über das, was hochfunktionierende Frauen innerlich tragen, obwohl es nach außen nicht zu sehen ist. Über Erschöpfung, die nicht laut wird, sondern still. Über das, was passiert, wenn du irgendwann anfängst, dich selbst wieder ernst zu nehmen, bevor dein Körper dich dazu zwingt.
Vielleicht ist das hier dein erster ehrlicher Moment mit dir selbst seit einer Weile. Mehr braucht es im Moment gar nicht.